Evgen Bavcar, Walter Aue

Am Ende des Lichts

Die Bilder des blinden Fotografen Evgen Bavcar

Mit einem Essays von Walter Aue

ca. 200 Seiten

Edition qwert zui opü

ISBN 3-933149-23-1

35 DM / 32,50 SFR / 256 ÖS

Warengruppennummer 1 150

Der Berliner Autor Walter Aue, der auch als Förderer konzeptioneller Kunst bekannt ist, hat sich seit den 80er Jahren, als er dem blinden Fotografen Evgen Bavcar in Paris begegnete, zahlreiche Ausstellungen seiner Arbeiten in Hamburg, Köln und Berlin organisiert und Bavcar aufgrund seiner Katalogtexte, Hörspiele und Feature, die er aber ihn schrieb, in Deutschland bekannt gemacht: Daß ein Blinder fotografiert und sogar als Dozent der Berliner Sommer-Akademie seinen Studenten „das Sehen beibringen konnte, obwohl er seine eigene Fotografie niemals selber sehen kann, war für Walter Aue immer eine provozierende Herausforderung, um das eigene „beschreibende Sehen" infrage zu stellen. So entstand im Laufe der Jahre und aufgrund vieler gemeinsamer Arbeitsprojekte eine sich gegenseitig fordernde, tiefe Freundschaft zwischen den beiden, die jetzt zu diesem ungewöhnlichen Buch geführt hat, in dem neben den Texten von Walter Aue unveröffentlichte Arbeiten von Evgen Bavcar enthalten sind.

Aus dem Buch:
Nein, er will keine Wiedergabe der Realität: Keine Zeitgeistleere, keine wilde Selbstbezichtigung. Die Nachahmung und Addition des Sichtbaren ödet ihn an. Seine Bilder sind zuallererst die Bilder von Gerauschen, Ohrenbilder oder Erinnerungsbilder, schwarzweiße Grauwerte, verwackelte, zugeschüttete Gegenständlichkeit, richtungslose Identitäten. Das In-die-lrre-gehen eines Blinden hat für uns einen besonderen Reiz: Wir erwarten, das er uns etwas mitbringt aus dieser Irre, aus diesem erbarmungslosen Dunkel seiner Blindheit. Die Spinngewebe von Kinderängsten sobald man sich die Augen zubinden ließ, jener letzte Krümel Licht, bevor sich die Kellertoren schlossen. Evgen Bavcar ist ein Fotograf, der uns permanent ein schlechtes Gewissen macht: Weil wir sehen, was er nicht sieht, der Ewighungernde, während wir in der täglichen Bildübersättigung zugrunde gehen, an Oberfluß verkrüppeln, erblinden. Und Bavcar triumphiert, weil ihn das Dunkel schützt, weil ihm seine inwendigen Bilder erhalten bleiben. Bavcar der Schamane, der Fremdling, der Zugewanderte aus Slowenien, horchend mit weit geöffneten Ohren. Und immer wieder emporblickend aus der Tiefe seiner Schwarze. Der Blick vom Auge losgelost, ein inwendiges Sehen, vom Auge befreit. Und Tiefe heißt immer Fremde, Unbekanntes, Verborgenes. Ein Verwischen von Unterscheidungs-Merkmalen. Und draußen diese monströse Helligkeit des Sonnenlichts. (...) Und mit Hilfe seiner tastenden Hände und der registrierten Gerausche entwickelt Bavcar eine Bildsprache ähnlich dem beschreibenden Wort, das die Sichtbarkeit der Dinge möglich macht. Die Sprache entmachtet die Dunkelheit. Und deshalb seine sehnsuchtsvolle Hinwendung zur Literatur, jener abgewandten Kunst, mit der sich das Unsichtbare und Ungreifbare so treffend darstellen laßt: Die Sprache als Auge. Die Sprache als Herberge der Gegenstände. (...) Blindsein und fotografieren empfinden viele als etwas Obszönes, als etwas Ungehöriges. Aber Bavcar erfindet Bilder, um zu Überleben. Für ihn ist die Herstellung eines Bildes ein Akt der Freiheit. Und genau diese Freiheit empfinden die angeblich Sehenden als obszön, weil er ihr eigenes Sehen damit infrage stellt.